Wichtige Impulse, aber noch keine Trendwende

Insektenvielfalt in Bayern noch längst nicht gerettet. BUND Naturschutz fordert noch mehr Schub für funktionierenden Biotopverbund, mehr Bio in Bayern und weniger Pestizideinsatz

 

Foto: B. Rutkowski

01.08.2020

Am 01. August 2020 jährt sich die Aufnahme zahlreicher neuer Verpflichtungen in das Bayerische Naturschutzgesetz durch das Volksbegehren Artenvielfalt und das ergänzende Begleitgesetz. Auch im Landkreis Traunstein hatten 17,7 % der Bevölkerung dafür gestimmt, in keiner Gemeinde weniger als 10 %. Was ist seitdem im Landkreis für die Artenvielfalt passiert? Die BUND Naturschutz Kreisgruppe zieht regional Bilanz.

Trotz einer insgesamt schleppenden Umsetzung sind wir nicht unzufrieden, denn durch das Volksbegehren haben die Themen Artenvielfalt und Insektensterben im ganzen Landkreis viel mehr Aufmerksamkeit bekommen und auch bei uns im Landkreis hat sich etwas getan.“ bilanziert Beate Rutkowski, 1. Vorsitzende der Kreisgruppe Traunstein. Viele Kommunen, Landwirt*innen und Verbraucher*innen  haben im letzten Jahr – angestoßen  durch das Volksbegehren -  etwas zum Schutz der Insekten und Artenvielfalt beigetragen. Ob es gemeindliche Blühflächen sind, Dauerblühflächen von Landwirt*innen wie z.B. in Traunwalchen oder das gestiegene Interesse an naturnahen Gärten.

Im Landkreis wirtschaften derzeit 14 % der Landwirt*innen nach Kriterien des Ökolandbaus. Dieser Anteil muss noch gesteigert werden. Aber auch die konventionelle Landwirtschaft muss ökologischer werden. Dazu ist eine ausreichende Förderung wichtig.  „Aufgeschlossene Landwirt*innen haben zwar artenreiche Wiesen angelegt, auf Strohschwein-Haltung umgestellt und pflegen ihre Streuobstwiesen, aber wir sind uns einig, dass für eine echte Trendwende eine Ökologisierung der EU-Agrarförderungen das entscheidende ist.“ sagt Beate Rutkowski. Die Fläche der artenreichen Wiesen, die erst nach dem 15.6. gemäht werden, ist im Landkreis in diesem Jahr auf über 1000 ha gestiegen, aber beim Wiesenumbruch gibt es noch zu viele Ausnahmen. Die Mittel aus der sogenannten 2. Säule der Agrarförderung zur Unterstützung von Gemeinwohlleistungen und Artenschutz sind gerade im Landkreis Traunstein enorm wichtig.

Die angekündigte Moor-Renaturierung der Staatsregierung ist im Landkreis bereits auf einem guten Weg: „Es laufen z.B. intensive Gespräche zur Renaturierung des Weitmoos bei Waging, was dem Natur- und Klimaschutz gleichermaßen dient und bald umgesetzt werden muss.“ sagt Beate Rutkowski.

Auch Biotopnetz-Konzepte sind in einigen Gemeinden schon angedacht und werden durch die bald startende Biodiversitätsberatung konkretisiert werden. Einige Gemeinden schulen auch bereits ihre Bauhof- und Gärtnerei-Mitarbeiter*innen bezüglich einer naturschonenden Flächenpflege.

Bisher eher negativ aufgefallen ist die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich der Lichtverschmutzung. Nach wie vor wird in vielen Bebauungsplänen kein Beleuchtungskonzept erstellt. Die meisten Kommunen und Kirchen halten sich bisher nicht an das Beleuchtungsverbot nach 23 Uhr.

Bei den Gewässerrandstreifen kritisiert der BN vor allem die unzureichenden Vorgaben und die mangelhafte Umsetzung. Beate Rutkowski findet: „Anstatt sofort überall auf der Minimalbreite von 5 m auf Ackernutzung am Gewässer zu verzichten und diese Fläche für den Biotopverbund und die Gewässerentwicklung zu nutzen, haben wir ein Jahr nach Inkrafttreten der Regelung noch viel zu viele Ausnahmen“.

Die Anträge für Maßnahmen zum Erhalt von Streuobstbäumen sind leider um 17 % auf 374 Anträge zurückgegangen. Der Grund dafür ist offensichtlich die Sorge der Landwirt*innen, dass Streuobstwiesen unter Schutz gestellt werden. Gleichzeitig hat der LPV Traunstein aber im Herbst 2019 470 Bäume (gegenüber 250 in 2018) für Streuobstwiesen ausgeliefert, das Bewusstsein für den Wert von heimischem Streuobst steigt.  

Für mehr Artenvielfalt braucht der Landkreis aber auch eine Trendwende beim Flächenverbrauch: „Nach wie vor bedrohen Pläne für Gewerbegebiete, Kiesgruben und Baugebiete Lebensräume von Zauneidechsen, Fledermäusen und Naherholungsgebiete, der Flächenverbrauch ist also immer noch zu hoch“ kritisiert Beate Rutkowski.

Die zentralen Forderungen des BN für die Zukunft im Landkreis sind daher weniger Flächenverbrauch und noch mehr Schub für einen großflächigen funktionierenden Biotopverbund. „Zudem brauchen wir mehr Bio in allen Mensen und Kantinen und bei allen Veranstaltungen, weniger Pestizideinsatz auf privaten und kommunalen Flächen und mehr Artenschutz in den Gärten“ ist Beate Rutkowski überzeugt.

Der BN hat die Umsetzung des Volksbegehrens bayernweit in Form einer Ampel bewertet: https://www.bund-naturschutz.de/volksbegehren-artenvielfalt-aktueller-stand.html