MenuKreisgruppe TraunsteinBUND Naturschutz in Bayern e. V.

TETRA-BOS

1994 wurde auf EU-Ebene beschlossen, ein digitales Funknetz für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) zu errichten. Man nennt dieses Netz daher BOS-Netz oder Tetra-Funk.

Im Jahr 2000 wurde BOS in England eingerichtet, heute ist es in über 100 Ländern installiert.
Deutschland hat 2006 beschlossen, in die Tetrafunk-Technik einzusteigen. Sie soll eine bessere, abhörsichere Kommunikation ermöglichen und eine Überlastung der Netze  im Katastrophenfall verhindern. Dabei sollen die derzeit 3500 analogen Funkstellen durch 945 digitale Funkstationen ersetzt werden.

Bis zum Jahr 2012  sollen im Landkreis Traunstein 22 Masten errichtet werden; bekannt sind bisher Planungen in Ruhpolding, Unterwössen, Palling, Trostberg, Traunstein, Waging, Seebruck, Inzell, Siegsdorf, Schleching und Obing. Hinzu kommen noch mehrere kleine genehmigungsfreie Masten unter 10 Meter.

Eine Problematik ist die Geheimniskrämerei sowohl der Behörden als auch der Betreiber:  Es gibt keine öffentlichen Planungen, nur die  Bürgermeister der betroffenen Gemeinden und die Landräte werden informiert. Diese Vorgehensweise von Seiten der Behörden als Auftraggeber, der Auftragnehmer und Planer hat die Bürger verunsichert, misstrauisch gemacht und so zahlreiche Bürgerinitiativen auf den Plan gerufen. Von einigen dieser Initiativen wird ein Moratorium für die Einführung von TETRA-Funk gefordert, bis  strittige Fragen geklärt sind.

Auch der BN Traunstein fordert ein Moratorium! Damit soll erreicht werden, dass das Projekt hinsichtlich Sicherheit, Technik, gesundheitlicher Risiken für Nutzer und Bevölkerung durch Strahlung, auch hinsichtlich der immensen Kosten (Anfangs 1 Mrd., inzwischen Schätzungen von 4-5 Mrd. €) und weiterer Punkte auf den Prüfstand gestellt wird.

Diese Forderung wird auch durch die kürzlich vom Europarat verabschiedete Resolution zur grundsätzlichen Wende in der Mobilfunkpolitik unterstützt. In dieser Resolution werden alle europäischen Staaten aufgefordert alle zumutbaren Maßnahmen zu ergreifen, um die Exposition elektromagnetischer Felder zu reduzieren und eine Reduktion bei den Grenzwerten so niedrig wie vernünftigerweise erreichbar umzusetzen.

Es gibt nunmehr genügend Beweise möglicher schädlicher Effekte durch elektromagne-tische Felder auf Fauna, Flora und die menschliche Gesundheit, um rasch zu handeln.

Die Lage ist für den Laien völlig verwirrend: Das Bundesamt für Strahlenschutz hält TETRA für unbedenklich; in Großbritannien haben krebskranke Polizisten ihren Arbeitgeber verklagt – sie führen ihre Krankheit auf TETRA zurück.

Die WHO hat Mobiltlefone als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft, vergleichbar mit Benzindämpfen und Chloroform. Vor allem Vieltelfonierer (ab einer halben Stunde täglich!) haben ein bis zu 40% erhöhtes Risiko, an einem Gehirntumor zu erkranken. (IARC, 2004)
Physiker, wie der Universitätsprofessor Klaus Buchner, sehen durch die Strahlung verursachte gesundheitliche Schäden. Die niedrige Trägerfrequenz, erhöht die  Durchdringung von Gebäuden, was eine höhere Dauerbestrahlung auch im Inneren von Häusern mit sich bringt und die Sendemasten strahlen, unabhängig vom Gebrauch, Dauersignale ab. Die Taktung wirkt sich negativ auf das Gehirn aus, die Pulsung der 0,98 Hz-Frequenzen liegt im Bereich der menschlichen Herzfrequenz.

Die Ansichten darüber, ob ein TETRA-Netz effektiv sein kann, gehen ebenfalls weit auseinander. Manche halten den bisherigen Polizei-Analogfunk für ausreichend bzw. für optimierbar, andere wieder nicht. Auch ist abzuwägen, ob die Technik  während der 15 Jahre währenden Planungszeit nicht doch zu sehr veraltet ist. Z. B. war der  verwendete Code  bereits vor Regierungsbeschluss von Hackern geknackt, also konnte das Argument der Notwendigkeit der Installation eines abhörsicheren Netzes, schon damals nicht mehr greifen.

Feuerwehren in den Städten Berlin, Hamburg und München, die bereits mit dem System ausgestattet sind, gehen wieder auf die analogen Funkgeräte zurück, da die nötige Verlässlichkeit durch den TETRA-Funk nicht gegeben ist. Auch die Münchner Polizei ist wegen technischer Mängel aus einem BOS-Versuch wieder ausgestiegen.

Die Einführung des TETRA-Funks hat zur Folge, dass die Kontroversen, die es seit der Einführung des flächendeckenden Mobilfunks gibt, wieder neu aufflammen. Die Betreiber geben an, dass die Belastung durch TETRA-Funk eher geringer ist als durch andere  Netze. Eine Bestätigung dafür steht aber aus. Außerdem können auf jedem Tetra-Funk-Mast theoretisch noch weitere Sender installiert werden.  Der Turm in Waging soll z.B. 43 Meter hoch werden, bietet also viel Platz für anderes. Die additiven Wirkungen verschiedener Strahlungen müssen berechnet werden!

Es gilt zudem zu beachten:

Während der TETRA-Funk derzeit eine gesteigerte öffentliche Aufmerksamkeit erfährt,
werden andere – vermeidbare – Mobilfunkrisiken ohne Bedenken in Kauf genommen:

Alle elektromagnetischen Strahlen haben Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Pflanzen
Wer W-LAN benützt oder Portables mit DECT-Standard, setzt sich unnötig einem größeren Risiko aus, Vieltelefonierer mit dem Handy (eine halbe Stunde pro Tag und mehr) desgleichen. Wer während des Autofahrens mit dem Handy telefoniert, bekommt mehr Strahlung ab, als wer es im Freien tut. Höchstwahrscheinlich sind Kinder durch Mobilfunkbenutzung stärker gefährdet als Erwachsene. Die Möglichkeit, strahlungsärmere Handys zu erwerben,  wird zu selten wahrgenommen. Der einzelne kann also eine Menge tun, Risiken auszuschließen, ohne auf das Mobiltelefon zu verzichten. Aber die Handy-Nutzung wird von der Mehrheit der Bevölkerung nicht problematisiert. Der SAR-Wert (der die Strahlenbelastung des Nutzers durch sein Mobiltelefon angibt), spielt als Werbe- und Kaufargument kaum eine Rolle. Angesichts der oft hysterischen Ablehnung der TETRA-Sendestationen durch Bürgerinitiativen muss man sagen: die stärksten Strahlenquellen sind die Endgeräte, also das jeweils eigene Handy – besonders wenn man aus der Tiefgarage telefonieren will.

Der Bund Naturschutz fordert: Bevor ein absolut sicherer Forschungsstand erreicht ist, sollten verschärfte Vorsorge-Grenzwerte eingeführt  werden,  wie sie in anderen Ländern (USA, Schweiz, Russland, China)  bereits gelten. In Deutschland scheitert das an der Lobby-Macht der einschlägigen Industrie – und vielleicht auch an der Gleichgültigkeit der Mehrheit der Bürger.

Was kann eine Gemeinde tun, in der die Einrichtung einer TETRA-Funk-Sendestation geplant ist?

1) Verhindern?
Eine bloße Ablehnung führt nicht zum Ziel. Der Betreiber hat einen gesetzlichen Versor-gungsauftrag. Wenn die Gemeinde blockiert, hat der Betreiber trotzdem Anspruch auf einen Standort – der dann nach seinen Bedürfnissen ausgewählt wird und z. B. auch an einem Standort, der von Privaten erworben wurde, realisiert wird. Das ist für die Bürger die schlechteste Lösung. (Bereits 50 bayerische Gemeinden haben sich geweigert einen Masten aufzustellen.)

2) Dialogverfahren
Der Netzbetreiber informiert über sein Vorhaben, die Kommune bietet Mitwirkung an, lässt sich technisch und juristisch beraten. (Standortgutachten werden z.B. vom Umweltinstitut München erstellt). In der Praxis ließ sich die Strahlenbelastung für Wohngebiete um bis zu 90% verringern. (Sender im freien Feld statt auf einem Dach in der Siedlung). Dabei dürfen aber die Belange der Landwirte nicht hinter die  Belange der  übrigen Bevölkerung gestellt werden. Beispiele für Dialogverfahren: Icking, Pullach, Schäftlarn, Gauting, Planegg, Eggstätt, Tacherting.

3) Bauleitplanung
Die Gemeinde weist in ihrer Bauleitplanung (Flächennutzungsplan, Bebauungsplan) Vorzugsgebiete für Mobilfunk aus. Diese sollten die Kriterien „Möglichst geringe Belastung der Bürger“ und „Gewährleistung der Versorgungssicherheit“ erfüllen. Ein bloße Verhinde-rungsplanung von Seiten der Kommune ist nicht möglich. Wenn die Gemeinde die entsprechenden planerischen Vorleistungen erbringt, entscheiden die Verwaltungsgerichte bei der Standortfrage in der Regel für sie. Beispiel Gröbenzell, weitere Beispiele für Standortwahl durch Bauleitplanung: Aßling, Gräfelfing.