Kies - der neue Goldrausch?

Was hat es mit dem Kiesabbau im Landkreis Traunstein auf sich? Wieso werden wertvolle Waldflächen, wie im Törring Wald, für den Abbau von Steinen gerodet? Kies ist ein begehrter und begrenzter Rohstoff in der Bauindustrie. So ist es nicht verwunderlich, dass immer neue Flächen für den Abbau vorgesehen werden.

Wieso "neuer Goldrausch"?

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zog der Lockruf des Goldes viele Menschen in den Westen Amerikas und bis nach Alaska. Der Goldwäscherei kann man heute als Hobby zum Beispiel in den Tauern nachgehen. Wirtschaftlich wichtiger ist heute aber, was die Goldwäscher zur Seite kippten: Sand und Kies.

Sand, Kies, Schotter: Was ist was? Sand und Kies sind natürliche, durch Verwitterung entstandene und oft durch Wasser verfrachtete, lockere mineralische Ablagerungen. Die Vorkommen in unserer Region gehen auf die letzte Eiszeit zurück. Die Bezeichnungen Sand und Kies sind nicht abhängig von der mineralischen Zusammensetzung, sondern nur von der Korngröße: Was unter 2 mm Durchmesser hat, ist Sand, was darüber liegt, Kies. Der Begriff Schotter bezeichnet in der Bauwirtschaft grobe gebrochene und daher scharfkantige Gesteinskörnungen, im Gegensatz zum ungebrochenen, abgerundeten Kies.

Ein begehrter Rohstoff

Kies und insbesondere Sand sind bedeutende Rohstoffe: Von den weltweit jährlich in Bergwerken, Steinbrüchen usw. abgebauten 47 bis 59 Milliarden Tonnen an Erzen, Salzen, Kohlen sowie Steinen und Erden stellen Sande zwischen 68 und 85 Prozent.

In Bayern werden nach Angaben des „Bayerischen Industrieverbandes Baustoffe, Steine, Erden“ jährlich rund 120 Mio. Tonnen Sand, Kies und Schotter verbraucht. Pro Einwohner ist das mehr als ein Kilogramm pro Stunde. Für die Rohstoffgewinnung werden in Bayern rund 890 ha pro Jahr abgegraben, das entspricht der Fläche des Tegernsees.

Kies findet sowohl in der Zement- und Betonherstellung (etwa 60 %) als auch als Schüttmaterial im Erdbau (etwa 40 %) Verwendung. In der Allianz-Arena in München sind 120 000 m³ Beton verbaut. Der moderne Autobahnbau verschlingt gewaltige Kiesmengen: Für einen Kilometer Autobahn werden laut Branchenverband 216 000 Tonnen Sand, Kies und Splitt verbraucht (andere Quellen nennen deutlich niedrigere Zahlen). Alleine für den Ausbau der A8 ist das der Inhalt mehrerer Kiesgruben. Die Bahn erweist sich auch hier als sparsamer: Für einen Kilometer Schienenweg werden nur 35 000 Tonnen Schotter verbraucht.

Auch im Landkreis Traunstein führt der Bauboom und vor allem der Straßenbau zu einem extrem hohen Kiesverbrauch (Aubergtunnel, Umfahrung Obing etc.).

Weltweit ein endlicher Rohstoff

Das bayerische Staatsministerium für Wirtschaft stellt klar fest: „Lagerstätten sind raum- und standortgebunden und nicht vermehrbar. (…) Die Nutzung von heimischen Rohstoffen trägt wesentlich zum Erhalt unserer Lebensqualität und zu deren Weiterentwicklung bei. Rohstoffsicherung ist somit Daseinsvorsorge.“ Was in geologischen Zeiträumen entstanden ist bauen wir ab, als gäbe es kein Morgen: Die Kies- und Sandgewinnung ist niemals nachhaltig und wir täten gut daran, uns zu überlegen, was wir selbst verbrauchen und was wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen.

Durch das weltweite Bevölkerungs- und Städtewachstum und die damit verbundene Bautätigkeit besteht eine große Nachfrage nach geeignetem Sand. Mit dem Jahresverbrauch des Bausektors allein ließe sich rund um den Äquator eine 27 Meter hohe und 27 Meter breite Mauer aufschütten. Sand wird nach Wasser, wenn man das Volumen betrachtet, als zweitwichtigster Rohstoff der Welt gesehen. Derzeit verbraucht die Menschheit doppelt so viel Sand, wie alle Flüsse dieser Erde an Nachschub liefern. Wen wundert es da, dass die natürlichen Vorkommen in manchen Regionen fast erschöpft sind.

Indien und insbesondere Marokko sind heute Brennpunkte des illegalen Geschäftes mit Sand. Weil Wüstensand zwar reichlich vorhanden, aber als Baustoff nicht geeignet ist, wird Sand aus dem Meer gewonnen. Die Zerstörung der Lebensräume unter Wasser spielt dabei keine Rolle – der Abbau vollzieht sich für die Tourist*innen und Weltöffentlichkeit weitgehend unsichtbar: Nach Angaben des Deutschlandfunks aus dem Jahr 2016 sei in Marokko „bereits die Hälfte der Strände widerrechtlich abgetragen worden.“ Für den Bauboom im Emirat Dubai wurde bis Anfang der 2010er Jahre Sand vom Meeresboden verwendet. Weil diese Vorkommen mittlerweile fast erschöpft sind, importiert Dubai nunmehr Bausand in großem Umfang per Schiff aus Australien. Vor den Kapverdischen Inseln tauchen Sandräuberinnen immer tiefer ins Meer. Der Abbau ist gefährlich und illegal, aber die Frauen haben oft keine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen. Also kratzen sie die letzten erreichbaren Sandkörner vom Meeresboden zusammen. Viele Sandstrände sind hier nur noch Erinnerung.

Bauboom und Klimawandel

Der Boom scheint ohne Ende: Derzeit werden weltweit pro Jahr rund 4,1 Milliarden Tonnen Zement produziert. Das bedeutet fast eine Vervierfachung seit 1990 und mehr als die dreißigfache Menge verglichen mit 1950. China alleine hat in vier Jahren mehr Zement verbraucht als die USA im gesamten 20. Jahrhundert. Die Grundfläche aller Gebäude der Welt wird sich in den nächsten 40 Jahren verdoppeln, damit soll ein weiterer Anstieg der Zementproduktion bis 2030 um ein Viertel verbunden sein.

Auch wenn Zementwerke heute nicht mehr so große Dreckschleudern sind wie früher, bleibt die Zementherstellung ökologisch problematisch. Zement enthält im Mittel etwa 60 % Calciumoxid (CaO). Damit ergibt sich bei der Zementherstellung durch das Freisetzen des im Kalk gebundenen Kohlendioxids, selbst bei optimaler Prozessführung, ein Anteil von etwa 6 bis 8 % des jährlichen CO2-Ausstoßes. Auch wenn der CO2-Ausstoß pro Tonne Zement in den letzten Dekaden um 18 % gesunken ist – die Zuwachsraten im Zementverbrauch führen zu einem rasant steigenden CO2-Ausstoß. Um die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens zu erfüllen, müssten die jährlichen Emissionen der Zementindustrie bis zum Jahr 2030 um mindestens 16 % sinken.

In Deutschland hat die Einführung alternativer Brennstoffe jährlichen CO2-Ausstoß der Zementindustrie von 1990 bis 2005 um ca. 6 Mio. Tonnen sinken lassen, aber seither pendelt er konstant um die 20 Mio. Tonnen.

Auch an ganz anderen Alternativen wird geforscht. In North Carolina produziert ein Start-Up Unternehmen innerhalb von derzeit vier Tagen Betonziegel, indem Bakterien den Prozess nachbilden, mit dem Korallen ihre Riffe erzeugen – ganz ohne Einsatz fossiler Brennstoffe. Andere Projekte suchen nach alternativen Baustoffen aus dem gepressten Mycel von Pilzen.

Beton vom Wertstoffhof?

Die deutsche Zement- und Betonindustrie wirbt für das Recycling von Beton, stellt aber klar fest: „Allerdings reicht das Angebot an rezyklierten Gesteinskörnungen für die Betonherstellung bestenfalls aus, um kleinere Mengen des Bedarfs zu decken.“ Dem jährlichen Verbrauch von ca. 150 Mio. Tonnen Rohstoffen in Bayern stehen nur 9 Mio. Tonnen Bauschutt pro Jahr gegenüber. Auch wenn davon heute rund 7 Mio. Tonnen der Wiederverwertung zugeführt werden, kann von einem Kreislauf nicht die Rede sein.

Die Qualität von Recyclingbeton hängt stark vom angewendeten Aufbereitungsverfahren und dem Recyclingmaterial ab. Sowohl die Bestandteile des Granulats als auch die Korngrößenverteilung spielen eine Rolle. Wird der Bauschutt nur gebrochen und beigemischt, entsteht ein Beton mit geringer Festigkeit, der z.B. im Straßenbau als Verfüllung und zur unterirdischen Einbettung von Leitungen verwendet wird. Wird das Abbruchmaterial hingegen nach dem Brechen gewaschen und sortiert, kann Beton produziert werden, der auch den höheren Anforderungen im Hochbau entspricht. Besonders in der Schweiz hat sich die Verwendung dieses Betons im Baugewerbe etabliert. In Deutschland hingegen ist die Entwicklung stehen geblieben und der Einsatz eher selten.

Der „Bayerische Industrieverband Baustoffe, Steine, Erden“ verweist nicht nur auf die zu geringen Bauschuttmengen, er benutzt den Aufwand für die Reinigung und Sortierung des zerkleinerten Bauschutts als Argument gegen ein Recycling. Überflüssig zu sagen, dass er auch im Baustoff Holz keine ökologische Alternative zum Massivbau mit frisch gewonnenem Sand und Kies sieht.

Vorrang für Kies und Sand

Im Landesentwicklungsprogramm (LEP) Bayern heißt es: „Zur Sicherung der Rohstoffversorgung und zur Ordnung der Rohstoffgewinnung sollen in den Regionalplänen Vorrang- und Vorbehaltsgebiete für die Gewinnung von Bodenschätzen zur Deckung des regionalen und überregionalen Bedarfs ausgewiesen werden....“. Damit erlaubt das LEP die Ausbeutung unserer endlichen Ressourcen auch z.B. für den Export nach China oder in die Golfstaaten. Auch wenn die Branche damit wirbt, dass Baustoffe in Bayern mit kurzen Transportwegen aus der Region kommen – diese Aussage schließt nicht aus, dass Baustoffe aus Bayern mit langen Transportwegen exportiert werden. Deutschland ist z.B. ein Netto-Exporteur von Zement.

Die Rohstoffgewinnung ist rechtlich besonders privilegiert: Rohstoff-Vorranggebiete schließen andere Nutzungen in diesem Gebiet aus, wenn diese mit der Gewinnung von Bodenschätzen nicht vereinbar sind (§ 7 Abs. 4 Nr. 1 ROG). Auch großflächige Abbauvorhaben in Vorranggebieten können ohne Raumordnungsverfahrens genehmigt werden. In Rohstoff-Vorbehaltsgebieten kommt der Rohstoffgewinnung ein besonderes Gewicht zu (§ 7 Abs. 4 Nr. 2 ROG). Immerhin gibt es hier aber noch eine Abwägung im Einzelfall, bei der noch gewichtigeren gegenläufigen Belangen der Vorzug gegeben werden kann.

2001 waren für die Sand- und Kiesgewinnung in Bayern 176,6 km² Vorranggebiete und 98,0 km² Vorbehaltsgebiete ausgewiesen. Zum Vergleich: Der Chiemsee hat eine Fläche von 79,9 km². Die Regionalplanung erweist sich aber wieder einmal als zahnloser Tiger. 46 % der tatsächlichen Abbauflächen für Sand und Kies in Bayern liegen außerhalb der ausgewiesenen Vorrang- und Vorbehaltsgebiete, im Landkreis Traunstein z.B. in Seeon-Grundweg in unmittelbarer Nähe zum Bansee.

Die Gemeinden haben zudem die Möglichkeit, eigene Vorranggebiete, sogenannte „Konzentrationsflächen“ im Flächennutzungsplan auszuweisen. Davon machen auch in unserm Landkreis einige Gemeinden Gebrauch, z.B. Nußdorf oder Seeon-Seebruck. In Nußdorf wurden so insgesamt 61 ha als Kiesvorrang-Gebiete ausgewiesen, in Seeon-Seebruck sollen es 26 ha werden, obwohl rund um Seeon bereits etwa 100 ha ausgewiesen sind.

Der Regionalplan für die Planungsregion 18 Südostoberbayern listet für den Landkreis Traunstein nicht weniger als 25 Vorranggebiete für Kies und Sand auf. Hinzu kommen weitere 7 Vorbehaltsgebiete. Der Regionalplan nennt auch Grundsätze für den Abbau: „Im Interesse eines sparsamen Verbrauchs von Flächen und Rohstoffen soll auf einen möglichst vollständigen Abbau der Rohstoffe hingewirkt werden. (...) Nassabbau soll nur im Ausnahmefall erfolgen.“ Leider macht der Regionalplan anders als z.B. entsprechende Regelungen in der Schweiz, hier keine klaren Vorgaben, welche Überdeckung über dem Grundwasserspiegel erhalten bleiben muss, um das Risiko einer Gefährdung des Grundwassers zu verringern.

Und weiter: „Großflächiger Abbau soll nach einem abgestimmten Gesamtkonzept in einzelnen Abschnitten erfolgen. Voraussetzung für neue Bauabschnitte ist, dass die Rekultivierung der abgeschlossenen Bereiche erfolgt oder zumindest eingeleitet ist.“ Auch diese Vorgabe wird in vielen Fällen im Landkreis nicht eingehalten. In Obing-Vogelöd sind von den bisher ca. 17 ha genehmigter Abbaufläche nur 3,3 ha rekultiviert, der größte Teil der bestehenden Kiesgrube ist noch nicht abgegraben oder wird für die Kiesgrubeneinrichtung genutzt. Obwohl noch ein großer Kiesvorrat zum Abbau vorhanden ist und die Rekultivierung offenbar nur sehr zeitverzögert in Angriff genommen wird, werden nun weitere 6 ha beantragt

Was kommt nach dem Abbau?

Die Branche wirbt mit Modellprojekten zur Renaturierung nach dem Abbau und verweist auf die von ihr geschaffenen hochwertigen Lebensräume. Sieht man genauer hin, dann geht es hier fast immer um aufgelassene Steinbrüche. Beispiele für eine gelungene Renaturierung ehemaliger Kiesgruben sind selten.

Der Regionalplan äußert sich auch zu nachfolgenden Nutzungen: „Abgebaute Flächen sollen Zug um Zug mit dem Abbaufortschritt wieder in die Landschaft eingegliedert und einer geordneten Folgenutzung zugeführt werden. Die Art der Folgenutzung soll für jedes Abbaugebiet in einem mit den zuständigen Fachbehörden abgestimmten Gesamtkonzept festgelegt werden. Damit sollen nach Beendigung des Abbaus eine Bereicherung des Landschaftsbildes erreicht und neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere geschaffen werden. Als Ausgleich für die Beeinträchtigungen der Natur sollen - abhängig von den ökologischen Auswirkungen des Eingriffs und von der Bonität der landwirtschaftlichen Flächen - als Richtwert 30 % der intensiv genutzten Flächen als Ausgleichsflächen für den Naturhaushalt zur Verfügung gestellt werden.“

Die Realität sieht oft anders aus: Im Landkreis Traunstein wurden Kiesgruben in der Folge statt einer Renaturierung gewerblich genutzt, wie z.B. in Trostberg /Oberwimn oder in Nußdorf /Aiging.

Die für den Abbau oft notwendige Rodung der Wälder wird nicht mit einer Aufforstung an anderer Stelle ausgeglichen, sondern die im Wald heimischen Tiere und Pflanzen müssen 25-30 Jahre warten, bis nach dem Kiesabbau ein eventuell neu gepflanzter Wald seine ökologische Funktion wieder erreicht hat.

Die Abbauflächen im Offenland werden im Regelfall wieder mit grundwasserun-schädlichem Material verfüllt und anschließend ihrer ursprünglichen Nutzung zugeführt. Im Klartext heißt das in vielen Fällen Maisacker über Bauschuttdeponie. Inzwischen werden auf diesen rekultivierten Kiesgruben an vielen Stellen im Landkreis Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen geplant. Sofern diese Flächen extensiv und ökologisch bewirtschaftet werden, kann das eine wesentliche Verbesserung für die Artenvielfalt bedeuten.

Kiesgruben sind zudem nicht nur ein großer Eingriff in die Bodenstruktur, in landwirtschaftliche Flächen und Wälder, in die Lebensräume der dort vorkommenden Arten, sondern sie bedeuten auch eine erhebliche Verkehrsbelastung (z.B. in Nußdorf-Törringwald 150-180 Lkw pro Tag) und eine Gefährdung des Grund- und Trinkwassers, denn die oft viele Meter hohen Deckschichten über unseren Wasservorräten werden abgegraben und das Grundwasser damit über viele Jahre hinweg nur mit einer dünnen Deckschicht irreparablen Gefahren von außen ausgesetzt. Der Regionalplan weist allein im Landkreis explizit auf 7 Vorrangflächen hin, in denen eine mögliche Beeinträchtigung auf die Trinkwasser-Gewinnung gesehen wird.

Es werden somit derzeit nicht nur in großem Stil die Kiesvorräte der kommenden Generationen verbraucht, sondern auch unsere natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft beeinträchtigt.

Weitere Informationen

Über die zunehmende Kanppheit und den Raubbau insbesondere von Sand gibt es viele Berichte, z.B. die nachfolgenden (alle abgerufen am 11. Okt. 2020):

Auch über das Thema Recycling von Beton gibt es Material im Internet:

Zum Beitrag der Zementherstellung zum Klimawandel siehe zum Beispiel:

Den Regionalplan für Südostoberbayern findet man unter https://www.region-suedostoberbayern.bayern.de/regionalplan/text/, Positionen der Branchenverbände in deren Internet-Auftritten.