Zur Startseite
  • Aktuelles
  • Kinder+Jugend
  • Newsletter

Was wir tun können

Erneuerbare Energie

Veranstaltungen

Frühere Aktionen

Schützt das Grundwasser als Lebensraum!

Unser Grundwasser ist nicht steril wie eine Flasche destilliertes Wasser, sondern seinem Volumen nach unser größter aquatischer Lebensraum. Dass unser Grundwasser unsere wichtigste Ressource zur Gewinnung sauberen Trinkwassers ist, ist die wichtigste Ökosystemdienstleistung der Bewohner dieses Lebensraums.

Manche erinnern sich vielleicht noch an den Versuch aus ihrer Schulzeit: Der Lehrer goss schmutziges Wasser in drei Gefäße, die mit Kies, Sand bzw. Erde gefüllt waren und fing das unten herauslaufende Wasser auf. Während das Wasser schnell durch den Kies floss, aber genauso schmutzig war wie zuvor, dauerte es bei der Erde lange, es kam aber so sauber, dass besonders wagemutige Lehrer oder solche, die genau wussten, was in dem Schmutzwasser war, sogar einen Schluck getrunken haben.

Aus dem Versuch sollten wir lernen, dass unterschiedliche Böden Wasser unterschiedlich gut reinigen können. Der Versuch suggeriert, dass die Reinigungsleistung nur auf einer Filterung beruht. Das stimmt aber nur zu einem kleinen Teil, so wie die Reinigungsleistung einer modernen Kläranlage nicht nur auf ihren Rechen in der ersten Stufe beruht. Dass wir aus dem Boden quellfrisches, sauberes Trinkwasser bekommen, liegt ganz wesentlich daran, dass das Grundwasser ein Lebensraum ist, in dem Bakterien und kleinste wirbellose Tiere aktiv sind.

Wer lebt dort unten?

Nur sehr spezialisierte Arten können in dieser engen, dunklen und nährstoff- und sauerstoffarmen Umgebung dauerhaft leben. In Deutschland wurden bisher fast 500 Tierarten zumindest gelegentlich im Grundwasser gefunden. Davon sind 178 spezialisierte, sogenannte stygobionte Tierarten, die nur im Grundwasser vorkommen. In Europa sind etwa 2.000 und weltweit etwa 7.700 Arten bekannt. Es gibt Schätzungen, dass es weltweit zwischen 50.000 und 100.000 stygobionte Arten geben könnte. Unsere Artenkenntnis für diesen Lebensraum ist also besonders gering.

Die deutsche Fauna zeigt dabei ein deutliches Artengefälle von Süden nach Norden, so dass Bayern innerhalb Deutschlands eine besondere Bedeutung zukommt. Sowohl nach Anzahl der Arten als auch der Individuen finden sich besonders viele Tiere in Böden mit größeren Hohlräumen, z.B. in der schwäbischen und fränkischen Alb, aber eben auch in den mit Geröll gefüllten alpinen Flusstälern. Hinzukommen Mikroorganismen (Bakterien, aquatische Pilze, Einzeller), die den Hauptteil der Biomasse ausmachen. Das Zusammenspiel der einzelnen Organismengruppen trägt entscheidend zur Stabilität der biologischen Leistungen im System bei. Die im Grundwasser lebenden Organismen beeinflussen die Durchlässigkeit im Porensystem der Grundwasserleiter und tragen durch Stoff- und Energieumsätze entscheidend zur Qualität des Grundwassers bei. Ein funktionierendes, intaktes Ökosystem ist also Produkt und zugleich auch immer Voraussetzung für sauberes Grundwasser.

Wie beurteilen wir unser Grundwasser?

Die Zielvorgaben für die Beschaffenheit des Grundwassers orientieren sich bisher ausschließlich an physikalischen, chemischen und mengenmäßigen Kriterien. Eine Beurteilung einer biologischen Gewässergüte, wie sie für Flüsse und Seen Standard ist, findet für das Grundwasser bislang nicht statt. Dabei würde eine solche Beurteilung durchaus wichtige Aussagen liefern, wie das Forschungsprojekt „Entwicklung biologischer Bewertungsmethoden und -kriterien für Grundwasserökosysteme“ des Helmholtz-Zentrum München aufzeigt:

  • Anhand der Fauna lassen sich Rückschlüsse auf die Stärke des Einflusses von Oberflächenwasser, Niederschlag und Sickerwasser, als auch auf die Landnutzung ziehen.
  • Unser Grundwasser ist zunehmend komplexen Belastungssituationen ausgesetzt, auch durch Stoffe, die wir noch nicht routinemäßige analysieren und durch kurzzeitige, schwallartige Einträge. Der Zustand des Ökosystems zeigt diese Einflüsse über lange Zeit und liefert nicht nur eine Momentaufnahme für wenige Untersuchungszeitpunkte im Jahr.
  • Mit den heute zur Verfügung stehenden molekularbiologischen Methoden ist nicht nur eine Indikation für eine hygienische Belastung von Grundwasser möglich, sondern auch ein direkter Nachweis der wichtigsten pathogenen Bakterien, Protozoen (Einzeller) und Viren.
  • Die erfolgreiche Erholung eines Grundwassersystems nach einer Störung kann nicht allein an physikalisch-chemischen Kriterien festgemacht werden. Erst nach einer Wiederbesiedelung durch eine typische Organismengemeinschaft ist der betroffene Grundwasserkörper zu seinem Ausgangszustand zurückgekehrt.

Ausgehend von der zitierten Studie hat das Forschungsprojekt „GroundCare“ ein Beurteilungschema zur Bestimmung des biologischen Zustands eines Grundwasserkörpers weiter ausgearbeitet. Es gibt auch erste Anbieter von Messausrüstung zur Untersuchung im Labor und vor Ort.

Was sagt die Bundesregierung?

In der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) formulierte die Bundesregierung das Ziel für das Jahr 2020:

„Grundwasser ist von hoher Qualität und weitgehend unbelastet. Es ist Lebensraum für einzigartige, hochgradig an die Besonderheiten des Ökosystems angepasste Lebensgemeinschaften. Es erfüllt dauerhaft seine systemverbindende Funktion im Wasserkreislauf und Naturhaushalt. Es ist überall in ausreichender Menge und hoher Qualität als Trinkwasser vorhanden“.

In der Antwort auf eine kleine Anfrage stellt das Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit am 3. Juni 2019 jedoch fest:

„Der Zustand von Grundwasserökosystemen in der EU und in Deutschland wird bislang nicht systematisch überprüft. Dies ist in diesen Richtlinien auch nicht vorgesehen. Außerdem gibt es bislang weder hinreichend validierte Methoden für ein systematisches Monitoring (d. h. die Erfassung der verschiedenen Grundwasserorganismen) noch ausreichende Kenntnisse der Wirkbezüge (d. h. wie reagieren die Grundwasserorganismen auf anthropogene Einflüsse) noch für die Erstellung von Indikatoren, die für die Beurteilung von Maßnahmen und die Operationalisierung erforderlich wären. Deshalb ist derzeit zum Zustand der deutschen Grundwasserökosysteme und deren Entwicklung keine Aussage möglich.“

Und auf die konkrete Frage „Wie bewertet die Bundesregierung die Erreichung des in der NBS formulierten Ziels »spätestens ab 2015 sind alle grundwassertypischen Arten und Gemeinschaften im jeweiligen Habitat bzw. Naturraum nicht gefährdet«?“ heißt es nur lapidar: „Der Bundesregierung liegen keine belastbaren Daten über die Gefährdungssituation der grundwassertypischen Arten und Gemeinschaften vor. Daher kann derzeit keine Bewertung zur Zielerreichung erfolgen.“ Und auf die abschließenden Frage „Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung für den Schutz der Biodiversität im Grundwasser?“ gibt das Ministerium die ausweichende Antwort: „Ob und wie der Schutz der Grundwasserökologie verbessert werden kann, wird im Wesentlichen davon abhängen, ob und gegebenenfalls welche messbaren und belastbaren, vollzugsfähigen Bewertungskriterien dafür erarbeitet werden können. Darüber hinaus wären Vorgaben auf EU-Ebene vorzugswürdig, weil Grundwasservorkommen auch grenzüberschreitender Natur sein können.“

Das wirft für die Kreisgruppe Traunstein des BUND Naturschutz einige Fragen auf:

Welchen Wert haben die hehren Ziele der nationalen Biodivisitätsstrategie, wenn offenbar gar keine ernsthafte Absicht besteht, die Zielerreichung zu kontrollieren?

Wozu werden Mittel der öffentlichen Haushalte für Forschungsprojekte wie „GroundCare“ ausgegeben, wenn die darin erarbeiteten Bewertungskriterien nicht als Standard etabliert werden?

Wieso weigert sich das Ministerium, tätig zu werden, wenn es in seiner Antwort selbst zugibt: „Grundsätzlich ist die Anwesenheit einer vielfältigen Grundwasserfauna ein Zeichen für gute Wasserqualität und ein intaktes Grundwasserökosystem. (…) Die ökologischen Funktionen sind vielfältig und reichen zum Beispiel von der Reinigung von nach der Bodenpassage verbliebenen Schadstoffen im Grundwasser über die Eliminierung pathogener Mikroorganismen und Viren bis zur Verwendung von Grundwasserorganismen als Bioindikatoren. (…) Durch regional hohe anthropogen verursachte Nährstoffbelastungen des Grundwassers werden in erster Linie die Milieufaktoren und damit auch die Artenzusammensetzung der oberen Grundwasserleiter beeinflusst.“

Das Ministerium sieht also selbst die Gefahren für das Ökosystem und den Nutzen seines Schutzes, aber das war es dann auch?

Der BUND Naturschutz Traunstein fordert:

Unsere Grundwasservorkommen müssen nicht nur einen guten mengenmäßigen und chemischen Zustand erreichen oder bewahren, sondern auch der Zustand der Ökosysteme sollte künftig regelmäßig untersucht werden, nur so kann auch die Qualität unserer Trinkwasservorräte erhalten bleiben.

 

Wo finde ich weitere Informationen?

Eine Einführung zur Biodiversität im (Grund-)wasser findet sich z.B. beim Umweltforschungszentrum der Helmholtz-Gesellschaft unter www.ufz.de/index.php?de=36055 oder in der Publikation der ANL Laufen: „Das Grundwasser unter die Lupe nehmen: Lebensgemeinschaften als Anzeiger der Grundwasserqualität“ (ANLiegen Natur 42(1): 173–182), Download unter https://www.anl.bayern.de/publikationen/anliegen/doc/an42101meyer_et_al_2020_leben_im_grundwasser.pdf .

Eine Einführung und gleichzeitig ein Bericht über die Bedrohung des Lebensraums durch die Erwärmung des Grundwassers bietet der Artikel: www.spektrum.de/news/schaden-geothermie-und-klimawandel-dem-grundwasser-und-dessen-fauna/1603656

Die Studie zur Entwicklung biologischer Bewertungsmethoden wurden vom Umweltbundesamt veröffentlicht und kann unter www.umweltbundesamt.de/publikationen/entwicklung-biologischer-bewertungsmethoden heruntergeladen werden.

Informationen zum Forschungsprojekt „GroundCare“ finden sich unter  https://bmbf.nawam-rewam.de/projekt/groundcare/ und https://www.helmholtz-muenchen.de/fileadmin/IGOE/images/Arbeitsgruppen/AG_Griebler/Projekte/Flyer_final_online.pdf

Die Nationale Biodiversitätsstrategie findet man unter: www.bfn.de/fileadmin/BfN/biologischevielfalt/Dokumente/broschuere_biolog_vielfalt_strategie_bf.pdf , hier insbesondere S. 39

Die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Steffi Lemke, Harald Ebner, Dr. Bettina Hoffmann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN steht in der Bundestagsdrucksache 19/10590, ISSN 0722-8333 https://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/19/105/1910590.pdf