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Naturschutzaspekte des Bti-Einsatzes bei der Stechmückenbekämpfung

Eine Zusammenfassung und Stellungnahme des Bund Naturschutz, Kreisgruppe Traunstein

Stechmücken

Stechmücken haben eine wichtige Rolle in der Lebensgemeinschaft aquatischer und terrestrischer Gebiete. Gerade durch ihr periodisches Massenauftreten während der Fortpflanzungszeit erfüllen sie eine wichtige Funktion als Nahrungstiere, sowohl in ihrer Larvenform im Wasser (z.B. Fischnahrung), als auch in ihrer adulten Form als (z.B. Vögel- und Fledermausnahrung). Eine Forderung der flächendeckenden Bekämpfung (auch in Naturschutzgebieten, z.B. Achendelta!)  stellt den Menschen einseitig in den Mittelpunkt der Betrachtungen.

Heimische Stechmücken entstammen unterschiedlichen Gattungen, die nicht alle in freien Gewässern vorkommen, sondern zum Teil in Pfützen, feuchten Wiesen und Wäldern, in Kellern, Regentonnen oder Gartenteichen leben. Eine Bekämpfung der Stechmücken an Gewässern führt daher zu keinem durchgreifenden Erfolg.

Stechmücken haben einen Aktionsradius von bis zu 20 Kilometern. Das bedeutet, dass Gebiete, die mit Bti besprüht wurden, nicht stechmückenfrei sind. Die Insekten wandern aus anderen Feuchtgebieten oder Waldbereichen wieder ein, dies kann die Forderung nach flächendeckenden weiteren Spritzungen nachziehen.

Der Wirkstoff Bti

Der Bti-Wirkstoff ist ist ein Eiweißkristall, das aus dem Bacillus thuringiensis israelensis (Bti) gewonnen wird. Es lagert sich bei den Zielorganismen an Rezeptoren von Darmzellen, bringt die Zellen zum Zerplatzen an und zerstört damit das Darmepithel.

Inzwischen kann man Bti züchten und die Kristalle extrahieren. Der Wirkstoff wird dann mit Eisgranulat, Sand oder Öl meist mit dem Hubschrauber auf die entsprechenden Wasserflächen und Überschwemmungsflächen ausgebracht.    

Auswirkungen auf Nichtzielorganismen

Aus wissenschaftlichen Untersuchungen ist bekannt, dass Bti innerhalb der Ordnung der Zweiflügler eine Breitbandwirkung besitzt. Sicher ist, dass Bti auf alle 2500 Arten der Stechmücken tödlich wirkt (in Europa sind es 104 Arten), ebenso wie die über 50 Arten der Kriebelmücken. Hinzu kommt eine letale Wirkung auf alle etwa 560 Zuckmückenarten, die für den Menschen keine Störung darstellen, aber einen Hauptnahrungsbestandteil für Wasservögel, Fledermäuse und Fische darstellen. 

Auswirkungen auf andere Insekten wie Eintagsfliegen, Wasserkäfer oder Waffenfliegen wurden immer wieder veröffentlicht, vor allem in Langzeitstudien. Diese Ergebnisse decken sich mit der Beobachtung, dass auch beim Einsatz von gentechnisch verändertem Bt-Mais, der das Bti-Toxin selbst herstellen kann, nicht nur der Maiszünsler, der die Pflanze selbst frisst, abstirbt, sondern auch Räuber, wie die Florfliege, die sich von Freßfeinden der Maispflanze ernähren. Dieses Phänomen konnte wissenschaftlich noch nicht aufgeklärt werden, die Unbedenklichkeit von Bti muss also stark in Frage gestellt werden.

Auswirkungen auf Fische werden vor allem den Trägersubstanzen zugeschrieben.

Bis jetzt liegen keine ausreichenden Untersuchungen über die Wirkungsweise von Bti auf Nichtzielorganismen vor. Es wurden im Laufe der Zeit zwar viele Laboruntersuchen und auch Freilanduntersuchungen mit verschiedenen Organismen veröffentlicht, die aber zum großen Teil nicht umfassend genug sind und zudem meist von den Interessengruppen, die den Bti-Einsatz propagieren, selbst durchgeführt worden und daher nicht als unabhängig zu werten sind.

Der Bund Naturschutz fordert daher:

  • Unabhängige Untersuchungen durch neutrale Institute
  • Mehr Untersuchungen im Freiland
  • Berücksichtigung unterschiedlicher biotischer und abiotischer Faktoren
  • Untersuchungen über einen Zeitraum von mehreren Jahren
  • Untersuchungen über die Auswirkungen auf alle Entwicklungsstadien einer Art
  • Untersuchungen über die Resistenzausbildung nach langjähriger Bti-Anwendung

Wie lange Bti in einem Ökosystem verbleibt ist nicht bekannt. Die Vertreiber behaupten zwar, der Wirkstoff werde nach kurzer Zeit abgebaut. Welche Derivate sich dabei bilden und welche Auswirkungen sie haben, ist bisher nicht ausreichend veröffentlicht.                        

Auswirkungen auf den Naturhaushalt

Die Bekämpfung mit Bti durch Hubschraubereinsätze oder zu Fuß greift vielschichtig in die empfindlichen Flachwasser- und Uferbereiche ein. Sie sind nicht nur Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten, sondern stellen auch Ruhe- und Rückzugsraum einer empfindlichen Fauna dar. Die Zeiten für die Bekämpfung fallen zumeist in die frühsommerlichen Starkregenzeiten, die häufig auch mit den Brutzeiten übereinstimmen.

Das Massenauftreten bestimmter Insektenarten, wie zum Beispiel der Stechmücken  im Frühjahr und Frühsommer hat durchaus einen ökologischen „Sinn“. Gerade jetzt ist der Bedarf an Nahrung für viele Tierarten besonders hoch. Die Mückenbekämpfung während der Fortpflanzungszeit hat neben dem stark störenden Einfluß auch Auswirkungen auf das Nahrungsangebot. Untersuchungen haben ergeben, dass zum Beispiel die Nahrung des Teichrohrsängers zu über 50% aus Zweiflüglern besteht. Ebenso ist zum Beispiel auch das Blaukehlchen oder die Schwalbe auf Stechmücken als Nahrung angewiesen.

Viele Fledermausarten, wie z.B. die stark gefährdete kleine Hufeisennase am Chiemsee oder die Mückenfledermaus  jagen einen hohen Anteil an Stechmücken, ebenso auch wie Libellen und Amphibien. Bei den Fischen nimmt zum Beispiel die Rotfeder in 12 Stunden bis zu 1000 Mückenlarven auf.

Der Verlust eines Teiles der Nahrungsgrundlange gerade in der Zeit der Jungenaufzucht kann zur Gefährdung des Bruterfolges und zu einem Absinken der Reproduktionsrate führen. Gleichzeitig führt der spürbare Ausfall eines Beuteorganismus zu einem erhöhten Freßdruck auf andere Arten, die bisher eher verschont geblieben sind. Das gesamte Gefüge der Räuber-Beute-Beziehungen gerät ins Ungleichgewicht.

Einsatz in Schutzgebieten

Schutzgebiete werden vor allem dort ausgewiesen, wo sich Lebensgemeinschaften aus einer großen Artenzahl zusammensetzen, die vielschichtig miteinander verknüpft  ist oder besonders empfindliche und daher besonders seltene Arten auftreten. Die  Zusammenhänge zwischen den Arten eines Ökosystems sind nicht alle bekannt und nicht vorhersehbar. Schutzgebiete dienen daher dem Schutz aller Mitglieder einer Lebensgemeinschaft und dem Erhalt der natürlich gegebenen Lebensgrundlagen durch eine Minimierung des anthropogenen Einflusses. Werden  eine oder mehrere Arten dieser Lebensgemeinschaft nahezu eliminiert, so hat das Auswirkungen auf die gesamte Lebensgemeinschaft und widerspricht allen Zielen der Schutzgebietsausweisung.

Der Bund Naturschutz fordert daher: Keine Einsatz von Bti auf Gewässerflächen oder mit Gewässern verbundenen Überschwemmungsflächen und kein Einsatz in Naturschutzgebieten.

Aus allen bisher genannten Gründen, die gegen eine Bti-Einsatz sprechen ist die Stechmückenbekämpfung am z.B. Bodensee und die Zuckmückenbekämpfung am Steinhuder Meer in Niedersachsen mit Hilfe von Bti nicht erlaubt.

Situation am Chiemsee

Am Chiemsee wurde im Jahre 1997 zum ersten Mal Bti flächendeckend vom Hubschrauber aus eingesetzt. Als Trägersubstanz wurde bisher Eis eingesetzt, dies hat keine so negativen Auswirkungen wie Öl oder Sand.

Eine meßbare Reduktion der Mückenbestände durch den Bti-Einsatz konnte nicht nachgewiesen werden, es liegen nur subjektive Aussagen vor. Es ist zum einen nicht vorhersehbar, wie die Mückenpopulation sich ohne Bti-Einsatz entwickelt hätte.  Zum anderen kann man die Konzentration von Stechmücklenlarven im Wasser zwar noch einigermaßen genau bestimmen,  bei der Einschätzung der Mückendichte in der Luft ist man meist auf subjektive Beobachtung angewiesen. Selbst wenn in den behandelten Überschwemmungsflächen nach dem Bti-Einsatz weniger Mückenlarven gezählt wurden, können durch den Aktionsradius der Stechmücken und durch das Vorkommen mehrerer  verschiedener Mückenarten keine Rückschlüsse in Bezug auf die tatsächliche Stechmücken-Population gezogen werden.

Bisher wurde in den direkt mit dem Chiemsee in Verbindung stehenden Überschwem-mungsbereichen der Bti-Einsatz untersagt, um die Fischbruten nicht zu gefährden. Im März  2002  wurde vom Abwasser- und Umweltverband Chiemsee der Antrag auf eine großflächige Bekämpfung, auch im Naturschutzgebiet und auf Wasser- und Schilfflächen gestellt. Im Juli 2009 wurde im Umweltausschuss des Landtages eine erneute Petition beraten.

Die Auswirkungen des Bti-Einsatzes in Schutzgebieten auf die geschützte Biozönose ist vielschichtig und nicht absehbar. Die betroffenen Gebiete sind zum Teil auch als FFH-Gebiet und als SPA-Gebiet gemeldet worden.

Der Bund Naturschutz hat sich strikt gegen den flächendeckenden Bti-Einsatz ausgesprochen. Ein Eingriff in dieses äußerst hochrangige und durch mehrere Schutzkategorien gesicherte Gebiet ist nicht zu rechtfertigen und würde in eklatanter Weise gegen die Erhaltungs- und Entwicklungsziele des FFH-/SPA- Gebietes, bzw. den Schutzzweck der NSG-Verordnung verstoßen.

Eine Aufweichung der Schutzbestimmungen zugunsten eines Bti-Einsatzes würde eine Bresche für weitere Eingriffe in das Naturschutzgebiet schlagen.

Alternativen

Bisher gibt es keine Hinweise auf eine gesundheitliche Gefährdung des Menschen durch Mückenstiche in unseren Breitengraden. 

Das Konfliktpotential ist besonders durch das veränderte Freizeitverhalten gestiegen. Früher wurden z.B. Aktivitäten an Gewässern am Abend gemieden: Das Bewusstsein  für die  Eigenverantwortung des Menschen (Verwendung geeigneter Kleidung, Mückengitter, Mückenschutzmittel etc.) nimmt immer mehr ab, der Ruf nach den Behörden und nach Finanzierung der Abwehrmaßnahmen aus Steuermitteln wird immer lauter. Natürliche Phänomene werden zu unerträglichen Zuständen oder gar zu Katastrophen aufgebauscht.

Das öffentliche Bewusstsein muss auch durch die Medien auf diesen Aspekt aufmerksam gemacht werden.

In Gewässern mit  Fischbesatz können sich Stechmückenlarven in großen Mengen nicht halten. Eine Möglichkeit wäre daher zum Beispiel, häufig überschwemmte Bereiche mit dem Hauptgewässer durch kleine Kanäle zu verbinden. Auch Libellenlarven reduzieren die Mückenlarvendichte erheblich. Gartenteiche könnten auch speziell als Libellenbiotope angelegt werden.

Eine Grundvoraussetzung für das massenahfte Auftreten von Stechmückenlarven auf überschwemmten Wiesen ist ein hoher Nährstoffangebot. Je intensiver überschwemmte Wiesen gedüngt werden, desto mehr Larven können sich entwickeln. Eine Extensivierung ist daher auch aus diesem Grund dringend notwendig.

Regentonnen sollten grundsätzlich abgedeckt werden, damit sich keine Mückenlarven ansiedeln können. Offene Wasserflächen in Wohngebieten (Dauerpfützen, nicht regelmäßig gereinigte Vogeltränken etc.) können ebenfalls Stechmücken beherbergen.

Der Schutz der natürlichen Fressfeinde ist ein erheblicher Beitrag zur Reduktion der Stechmücken. Nicht die Bekämpfung einer Art, sondern das Zusammenwirken vieler Arten ist der Weg, ein ausgewogenes Verhältnis zu schaffen und das Überhandnehmen einer Art zu verhindern.

Verlängerung der Genehmigung für den Einsatz von Bti ab 2016

Heuer steht eine neue Genehmigung für den Einsatz von Bti zur Bekämpfung von Stechmücken am Chiemsee an. Neue Forschungsergebnisse stellen aber die Unbedenklichkeit der zuletzt 2010 genehmigten Sprühaktionen infrage.

Auch wenn wir in diesem Genehmigungsverfahren nicht beteiligt wurden, haben wir eine Stellungnahme zur geplanten Verlängerung des Bti-Einsatzes am Chiemsee abgegeben