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Wie der Wald – so der Boden

Die diesjährige Waldexkursion der Kreisgruppe Traunstein des BUND Naturschutz in Kooperation mit der Waldbesitzervereinigung (WBV) und dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Traunstein widmete sich dem Zusammenspiel von Waldbestand und Waldboden, wie es an der Grenze zwischen zwei unterschiedlich bewirtschafteten Waldflächen anschaulich wurde.

14 Interessierte trafen sich in Kotzing /Stadt Traunstein zur diesjährigen Waldexkursion der Kreisgruppe Traunstein des BUND Naturschutz. Die mittlerweile 10. Veranstaltung dieser Art fand wieder in bewährter Kooperation mit dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Traunstein statt.
Hatte sich der Blick in den vergangenen Jahren auf den sichtbaren Teil des Waldes gerichtet, wurden diesmal Spaten und Bohrstock eingesetzt, um seinen Untergrund näher betrachten zu können. An der Grenze zwischen zwei unterschiedlich bewirtschafteten Waldflächen wurde bei der Untersuchung anschaulich, wie sich Waldbestand und Waldboden gegenseitig beeinflussen.
 

Mull, Moder und Rohhumus

Revierförster Konstantin Benker erklärte zunächst anhand von Schaubildern die drei Grundtypen des Humus: Mull, Moder und Rohhumus, die die Bodenkunde noch feiner unterteilt. Der Begriff Humus umfasst das gesamte organische Material, also alle Pflanzenteile, Tiere, Pilze und Bakterien im Boden. Vermischt mit der Mineralerde ist dies der biologisch aktivste, wasser- und nährstoffreichste Teil des Bodens. Humus darüber hinaus ist wichtig für die Durchlüftung, die Stabilität und die Temperatur des Bodens. Mull ist die – aus Sicht der Pflanzenernährung – günstigste Form. Sie findet sich in krautreichen Laubwäldern. Als leicht abbaubarer Vegetationsrückstand bietet er Nahrung und Lebensraum für eine große Artenvielfalt von im Boden lebenden Tieren, Pflanzen und Pilzen (das Edaphon). Voraussetzung für seine Entstehung sind gut zersetzbare und eiweißhaltige Substanzen, gute Wasser- und Luftversorgung sowie ein neutraler pH-Wert. Es überwiegen bodenwühlende Tiere wie Regenwürmer, Asseln, Tausendfüßler und Fliegenlarven. Regenwürmer sorgen durch ihre stetigen Kotablagerungen auf der Bodenoberfläche und in ihren Gängen dafür, dass der Oberboden fortwährend mit neu gebildetem Mull versorgt wird und dass sich stabile Verbindungen zwischen den Tonmineralien und den Humusstoffen bilden und den Boden vor Erosion schützen können. Die vielen Hohlräume können Wasser speichern und zu den Wurzeln leiten, der Boden ist gut durchlüftet. Die im Mull gebildeten Humusstoffe sind kaum mobil und werden nicht ausgewaschen. Rohhumus besteht hingegen aus weitgehend noch nicht zersetzten Vegetationsrückständen. Ein saures Milieu, ein zu kühles oder feuchtes Klima führen zu mangelhafter Umsetzung der organischen Substanz. Im Allgemeinen sind Bestandteile wie Wachse, Harze sowie Gerbstoffe und auch Lignin schwer umsetzbar, folglich überdauern abgestorbene Pflanzenteile mit hohen Anteilen dieser Stoffe wie die Streu der Nadelbäume auch wesentlich länger. Das unzersetzte Streumaterial und die wenige vorhandene organische Feinsubstanz sind manchmal deutlich voneinander abgegrenzt. Aus dem Oberboden können die Huminstoffe leichter in den Unterboden  ausgewaschen werden, der Oberboden ist dann deutlich heller und wirkt ausgebleicht. Dazu kommt, dass schlecht zersetzte Streu eines Rohhumusbodens organische Säuren bilden kann, die den pH-Wert deutlich ins saure Milieu verschieben. Das verändert das Artenspektrum der Bodenlebewesen. Regenwürmer und andere wühlende Arten verschwinden. Die Durchmischung des Bodens wird schlechter, es entstehen weniger und weniger stabile Hohlräume. Der Boden kann schlechter Wasser speichern und leiten und ist schlechter durchlüftet.
 

Waldboden ist ein Lebensraum

„Eine Handvoll Humus enthält mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde“. Genau hat das niemand nachgezählt, aber dieser bekannte Satz soll die Dimension des Lebensraums verdeutlichen. Auf einem Quadratmeter gesundem Waldboden finden sich im Mittel rund 100 Billionen Bakterien, 100 Milliarden Pilze, 100 Millionen tierische Einzeller und dazu 1 Million Fadenwürmer, 70.000 Milben, 50.000 Springschwänze, 30.000 Weißwürmer, 10.000 Rädertierchen, 1.000 Bärtierchen und je 100 Käferlarven, Fliegenlarven, Hundertfüßler, Tausendfüßler, Regenwürmer sowie einige Dutzend Schnecken und Asseln.

Guter Boden ist löchrig

Für das Bodenleben und den Standort sind die Hohlräume im Boden entscheidend. Etwa das halbe Volumen des Oberbodens sollten Hohlräume (Poren) unterschiedlicher Größe sein. Dabei kommt es auch auf die Mischung an: Die Grobporen sind wichtig für die Drainage, also die Versickerung des Wassers in die Wurzelbereiche und die oberflächennahen Grundwasserleiter. Die Poren mittlerer Größe sind die Wasserspeicher im Boden, aus denen die Feinwurzeln der Bäume Wasser und Nährstoffe aufnehmen. Die Feinporen schließlich sind die Nährstoffspeicher. Durch Diffusion gelangen die Nährstoffe aus ihnen in größere Poren und damit zu den Wurzeln. Waldboden ist empfindlich: Befahren des Waldbodens mit Maschinen verdichtet ihn und zerstört die Porenstruktur auf Jahre hinaus. Andererseits ist eine Bewirtschaftung ohne Forstfahrzeuge heute kaum denkbar und wirtschaftlich darstellbar. Es kommt daher darauf an, dass einmal angelegte Rückegassen lange nutzbar bleiben um den Schaden für den Waldboden wenigstens auf wenige Gassen zu begrenzen. Sie sollten also nur dann befahren werden, wenn der Boden hinreichend tragfähig ist. Eine Bildung tiefer Gleise schafft zwar mögliche Laichplätze für die Gelbbauchunke, führt aber dazu, dass die Gasse nicht mehr befahrbar ist und dass bei der nächsten Maßnahme die Stelle umfahren und damit weiterer Waldboden geschädigt wird. Und wer bei der Aufarbeitung größerer Kalamitäten die gesamte Fläche kreuz und quer befährt, macht sich die Neubegründung des Bestands noch schwerer als sie ohnehin ist.
 

Bodenhorizonte

Die Bodenauflage (L) ist eine Streuschicht aus noch unzersetzten Blättern und Nadeln. An ihrer Stärke kann man ablesen, wie gesund und aktiv das Bodenleben und wie schnell der Umsatz des organischen Materials ist. In einem Laubwald kann diese Schicht am Ende des Sommers, vor Beginn des Laubfalls, ganz fehlen und der Mineralboden an die Oberfläche treten. Das ist ein gutes Zeichen, denn es bedeutet, dass das gesamte im Herbst davor gefallene Laub bereits umgesetzt ist und die organische Substanz den Bäumen im nächsten Frühjahr zur Aufnahme über die Wurzeln zur Verfügung steht. Problematisch ist eine dicke Streuschicht. Sie zeigt an, dass das Material nur sehr langsam und über viele Jahre umgesetzt wird. Den Bäumen steht entsprechend weniger organische Substanz bereit. Eine dicke Streuschicht erschwert darüber hinaus die Naturverjüngung, da die keimenden Samen mit der sich bildenden Wurzel erst diese Schicht durchdringen müssen, bevor Wasser und Nährstoffe aufgenommen werden können. Unter der Streuschicht liegen organische Horizonte: Of (fermentation) mit Pflanzenresten und 10–70 Vol.-% organischer Feinsubstanz als Ergebnis der Zersetzung und Oh (humus) mit mehr als 70 Vol.-% organischer Feinsubstanz als Ergebnis der Humusbildung. Diese haben eine lockere, krümelige Substanz, die von Herrn Benker anschaulich mit Schnupftabak verglichen wurde. Im Mull können diese ganz fehlen oder es ist nur eine dünne Schicht Of erkennbar. Im Moder und Rohhumus bilden diese zunehmend besser erkennbare Schichten, die von Feinwurzeln und dem Mycel der Pilze durchzogen werden. Unter dem organischen Horizont beginnt der Mineralboden. Für den Wald ist insbesondere der obere Horizont Ah des mineralischen Oberbodens von Bedeutung, der mit bis zu 30 % Humus angereichert ist.
 

Mit Spaten und Bohrstock

Mit theoretischen Grundkenntnissen gut vorbereitet wurden an zwei unmittelbar benachbarten Stellen Bodenproben aus einem nur selten bewirtschafteten, von Fichten dominierten Bestand bzw. einem bereits zum Mischwald umgebauten Bestand genommen. Die unterschiedliche Dicke des organischen Horizonts war deutlich erkennbar, auch wenn sie in beiden Fällen nur einige Zentimeter betrug. Der mineralische Oberboden im Fichtenbestand zeigte sich als kompakte Masse, die mit dem Spaten leicht ausgehoben werden konnte und in der nur wenige Hohlräume erkennbar waren. Im Mischwald hingegen war der mineralische Oberboden locker und krümelig, er zerfiel beim Ausheben mit dem Spaten. Auch eine – zugegeben laienhafte – Messung des pH-Wertes zeigte einen deutlichen Unterschied. Während die Probe des Oberbodens aus dem Mischwald mit einem pH-Wert zwischen 5 und 6 nur leicht sauer war, wies die Probe aus dem Fichtenbestand mit einem pH-Wert zwischen 3 und 4 auf ein deutlich saures Milieu hin. Wie sich der Klimawandel, der fehlende Schnee im Winter, das trockene Frühjahr 2026 und die Hitzeperioden seit Ende Mai auf den Waldboden auswirken, wurde bei einer Probe mit dem Bohrstock im Fichtenbestand erschreckend deutlich. Waren die obersten 15 cm nach den vorangegangenen Niederschlägen noch leicht feucht, war der tiefere Teil der Bodenprobe im wahrsten Sinne des Wortes bröseltrocken und rieselte aus dem Bohrstock. Diskutiert wurde auch über ein mögliches Vorgehen zum Umbau des Fichtenbestands in einen gesunden Mischwald. Dabei ist der Zustand des Bodens nur ein zu beachtender Aspekt. Stefan Strasser, frisch gewählt zum deutschen Waldbesitzer des Jahres 2026 merkte mit Blick auf die trotz im Umkreis vorhandener Altbäume von Buche, Tanne und Bergahorn fehlende Naturverjüngung an, dass die Regulierung des Rehwildbestands und die Verringerung des Verbisses die entscheidende erste Maßnahme sei, ohne die Pflanzungen und Einzelschutz aufwändig, teuer aber letztlich nur von geringem Erfolg seien. Der BUND Naturschutz schließt sich seiner Kritik an, dass die unterschiedlichen Fördersätze für Waldumbau durch Naturverjüngung bzw. durch Pflanzung den Waldbesitzern keinen Anreiz bieten, gegenüber dem Jagdpächter auf einen Wildbestand zu drängen, der das Wachstum von Jungbäumen ohne Zaun oder Wuchshülle auf der ganzen Fläche erlaubt.
 

Was bleibt?

Ein artenreiches und aktives Bodenleben ist eine Voraussetzung für die Versorgung und auch für die Verankerung der Bäume und damit für den dauernden Erhalt des Walds. Dabei können Boden und Bäume nicht voneinander getrennt betrachtet werden, sie wirken auf vielfache Weise aufeinander ein. Der Waldboden ist ein großer, aber auch empfindlicher Lebensraum. Er bedarf ebenso unserer Aufmerksamkeit und unseres Schutzes wie der Lebensraum darüber. Er ist aber keine homogene Erdmasse, sondern weist eine reiche Strukturvielfalt auf. Dabei sind die einzelnen Strukturen oft überraschend klein und lokal begrenzt bzw. die einzelnen Horizonte nur wenige Zentimeter mächtig und dennoch für die Gesamtfunktion von entscheidender Bedeutung. Der Waldboden ist ein integraler Bestandteil des Ökosystems Wald. Der Wald kann seine vielfältigen Leistungen und Ökosystemdienstleistungen nur erbringen, wenn er auf einem intakten Boden stockt.

Bericht: Christian Rutkowski