Regionale Wolle: Zum Düngen zu schade!
„Auch Wolle sei ein wertvolles Naturprodukt, besonders als Dünger im Garten“ zitiert das Traunsteiner Tagblatt in seiner Ausgabe vom 31. März 2026 Josef Harbeck, den Vorsitzenden der Schafhaltervereinigung Traunstein und Umgebung. Moment mal, ist Wolle nicht für Pullover gedacht und zum Düngen viel zu schade? Auch an der Wolle unserer heimischen Schafe zeigt sich die Schieflage auf dem Textil- und Kleidermarkt überdeutlich.
„Auch Wolle sei ein wertvolles Naturprodukt, besonders als Dünger im Garten“ zitiert das Traunsteiner Tagblatt in seiner Ausgabe vom 31. März 2026 Josef Harbeck, den Vorsitzenden der Schafhaltervereinigung Traunstein und Umgebung. Tatsächlich füllt Wolle heute auf dem globalen Textilmarkt höchstens eine Nische: Weniger als 1% der jährlichen Produktion von Textilfasern entfällt noch auf Wolle. Trotz grundsätzlich hoher Nachfrage sind der globale und insbesondere der deutsche bzw. mitteleuropäische Markt weitgehend zusammengebrochen. Weltweit werden jährlich etwa 200.000 Tonnen Rohwolle verbrannt oder vergraben anstatt verarbeitet. Woran liegt das?
Ein Blick zurück
Bereits vor 10.000 Jahren wurde das Mufflon als Stammform der heutigen Schafrassen domestiziert. Schafe wurden vor allem ihres Fleisches und ihrer Wolle wegen gehalten. Um die Wolle für die eigenen Bedürfnisse verwerten und an die längere und weichere Unterwolle gelangen zu können, unterband der Mensch den jahreszeitlich bedingten Wollwechsel durch Züchtung.
Früher wurden in Deutschland vor allem Schafrassen mit Misch- und Schlichtwolle gehalten. Erst mit der Einfuhr von Merinoschafen aus Spanien und Frankreich um 1800 herum wurde die Wolle einheitlicher und feiner. Durch diese Verbesserung der Wollqualität erlebten sowohl die Schafhaltung als auch die Zucht einen deutlichen Aufschwung. Die Wollproduktion, allen voran die Haltung von Merinos, wurde zur züchterischen Hauptaufgabe im 19. Jahrhundert. Mit Beginn der Industrialisierung, dem Anbau der Baumwolle und der Entwicklung von Kunststoffen als Kleidung hat die heimische Schafwolle immer mehr an Wert verloren und ist vom Markt verdrängt worden.
Heute werden Schafe vor allem wegen ihres Fleisches gehalten. „Die Preise für Fleisch sind derzeit sehr gut für uns“, wird Josef Harbeck zitiert. Wolle ist in vielen Fällen für deutsche Schafzüchter nur noch ein „Nebenprodukt“. Schafe sind aber auch für die Landschaftspflege wichtig und das nicht nur an der Küste oder der Rhön.
Ein Qualitätsproblem

Die Bekleidungsindustrie fragt nach besonders feinen Wollfäden – niemand möchte einen kratzigen Pullover oder Anzug tragen. Dabei hängt die Dicke der Haare zuerst von der Schafrasse ab. Die Wolle des Merinoschafes ist dreimal feiner als klassische Wolle. Sie ist stark gekräuselt, weich, leicht, elastisch und kratzt nicht. Merinowolle lässt sich zu einem besonders feinen Wollfaden verarbeiten.
Zudem ist die Farbgebung der Wolle ein entscheidendes Kriterium. Die Wolle des Pommernschafes oder unseres alpinen Steinschafs beispielsweise hat oft eine graue oder braune Färbung. Das daraus entstandene Tuch lässt sich schlecht bis gar nicht einfärben und eignet sich demnach nicht für die Kleidungsproduktion.
Auch bei uns gibt es Merino-Züchter, aber die Wolle ihrer Schafe ist nicht so fein wie die australischer Schafe. Das hat verschiedene Gründe: Zum einen spielt die Witterung eine wichtige Rolle hinsichtlich der Wollfeinheit. Um vergleichbare Feinheiten wie in Übersee zu bekommen, müssten die Tiere bei Regen im Stall bleiben, was hinsichtlich Tierwohl und artgerechter Haltung nicht möglich ist. Eine feinere Wolle könnte die Tiere nicht mehr ausreichend gegen die Witterung schützen. Zum anderen wurde die letzten Jahrzehnte züchterisch wenig Wert auf die Wollqualität gelegt, was unter anderem dem niedrigen Wollpreis geschuldet ist. Allerdings ist die Feinheit nicht der einzige Grund, warum deutsche Wolle keinen Absatz mehr hat. Das Fehlen von größeren Mengen mit einheitlich guter Qualität, Wollverunreinigungen mit Futterresten, Einstreu und Kletten, fehlende Klassifizierung, keine farbliche Sortierung und teilweise eine Verunreinigung der Wolle mit Farbe sind weitere Gründe, warum Wolle aus Deutschland einen schlechten Absatz hat.
Wolle – ein Verlustgeschäft
Der Wollmarkt erlebte seit dem ersten Weltkrieg starke Schwankungen des Wollpreises. Dementsprechend finden sich heute unterschiedliche Zahlen für den Preis eines Kilos Wolle „ab Schaf“. Die Grundaussage ist aber immer gleich: Wolle ist ein Verlustgeschäft für den Schafhalter.
Wolle
3 – 3,5 kg
pro Merinoschaf
Wollpreis
0,30 – 0,40 €/kg
(Merinowolle)
Wollerlös
0,90 – 1,40 €/Schaf
(Merinowolle)
Schurkosten
5,70 – 6,50 €/Schaf
Kostenaufschlag
für Kleinschafherden
1,00 – 2,00 €/Schaf
Bei anderen Schafrassen liegt der Erlös noch deutlich niedriger.
Bis vor kurzen hatte die Wolle, selbst Merinowolle, überhaupt keinen Erlös. Eines der wichtigsten Hauptimportländer, China, kaufte nur noch sehr feine Wolle, wodurch der europäische Wollmarkt, fast vollständig zum Erliegen kam.
2024 wurde das Veterinärzertifikat für den Export deutscher Rohschafwolle nach China erneuert, wodurch es überhaupt erst wieder möglich war, ungewaschene Wolle aus Deutschland nach China zu exportieren. Das aktuelle Seuchengeschehen durch die Blauzungenkrankheit in Deutschland hat den chinesischen Markt jedoch bereits wieder geschlossen. In der Folge ist der Wollpreis von bis zu 1,00 €/kg Rohwolle auf den genannten Wert eingebrochen.
Viele Schäfer haben begonnen, ihre Wolle wegzuwerfen. Andere kompostieren sie oder nutzen sie als Wärmedämmung im Haus. Es lohnt sich schlichtweg nicht mehr, die Wolle zu verkaufen. Zu den Kosten für die Schur kommen die Arbeitszeit für das Sortieren der Wolle, die Transport- oder die Portokosten. Wer Glück hat, findet noch einen Abnehmer für die Wolle als Dünger.
Fehlende Infrastruktur
Um die heimische Wolle effizienter nutzen zu können, fehlt es am verarbeitenden Gewerbe. Zur Verwendung der Schurwolle muss diese zunächst gewaschen werden, bevor sie gekämmt und gesponnen werden kann. Bei dieser Wäsche wird sie von Pflanzenresten, Schmutz und Wollfett befreit.
2009 wurde die Bremer Woll-Kämmerei AG (BWK), einst das weltweit größte Unternehmen seiner Art, als letzte Wäscherei und Kämmerei Deutschlands nach 125 Jahren geschlossen. In Deutschland gibt es seither weder eine Wollwäscherei noch eine Wollkämmerei, die industriellen Ansprüchen gerecht wird. Die Wolle wird heute für die Wäsche ins Ausland, der größte Teil zur Firma Traitex nach Belgien, gebracht. Der Waschvorgang ist anspruchsvoll und muss auf jede Partie erneut abgestimmt werden. Daher gibt es Mindestmengen (bei Traitex 400 kg) und Preisaufschläge für kleine Partien. Positiv ist zu vermerken, dass Traitex auch ökologisch waschen kann, so dass die Einstufung als „kbT“ nicht verloren geht.
Andere Länder wie Island, Großbritannien, Italien oder Spanien verfügen noch über eigene Wäschereien. Bemerkenswert ist, dass die Wäscherei Istex in Island zu 80% den isländischen Schäfereien gehört. Eine Masterarbeit der Universität Oldenburg weist nach, dass die Voraussetzungen für den Betrieb einer Wäscherei auch in Deutschland gegeben wären. Die Investitionskosten, insbesondere für die Abwasseraufbereitung, würden sich aber im zweistelligen Millionenbereich bewegen und die Amortisationszeit ist lang. Ein Investor wird sich kaum finden und für ein Modell wie in Island fehlen hierzulande die Strukturen, vielleicht auch das Engagement.
Wolle selbst in der Waschmaschine zu waschen und zu spinnen ist mühsam und allenfalls für Kleinstmengen eine Alternative.
Im Jahr 1950 wurde British Wool als eine von Landwirten geführte Non-profit Organisation gegründet, zu der im Jahr 2023 ca. 35.000 Schafhaltern gehören. Alle Schafhalter mit vier oder mehr Tieren müssen hier registriert sein. British Wool bietet Wollscher- und Wollsortierkurse und sammelt, sortiert, prüft, verkauft und vermarktet die Schurwolle. Der Verkauf der britischen Wollen erfolgt über ca. 18 Wollauktionen pro Jahr, um den Markt kontrolliert mit Rohwolle beliefern zu können und unabhängig von internationalen Preisschwankungen zu sein. Die Betriebe sind klein und liefern ca. 500 Kilogramm pro Jahr. Die Sammlung der Wolle erfolgt über die 123 Sammelstellen, sodass 90 % der Mitglieder in weniger als einer Stunde von ihrem Betrieb eine Sammelstelle haben. Die Wolle wird anschließend zu einer Partie von acht Tonnen zusammengestellt für die Auktion, sie enthält die Wolle von mehreren Schafhaltern. Bei den Auktionen kann die Wolle der über 60 Schafrassen in sieben Wolltypen gekauft werden.
(Hannes Kettenburg, Rohwollwäsche als Voraussetzung für eine nachhaltige Wolltextilproduktion in Mitteleuropa)
EWA ist eine gemeinnützige Nichtregierungsorganisation, die 2022 mit dem Ziel gegründet wurde, der in Europa produzierten Wolle wieder einen Wert zu verleihen. EWA wurde gegründet, um nachhaltige Lösungen im Rahmen einer Wertschöpfungskette für europäische Wolle zu finden, die sowohl das Wohlergehen der Tiere als auch die ökologische Nachhaltigkeit der Betriebe berücksichtigt.
EWA möchte die von Schafen in Europa produzierte Wolle als die beste Naturfaser mit vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten wieder etablieren. Ein Hauptziel ist es, die Qualität der von verschiedenen europäischen Schafrassen produzierten Wolle zu bewerten, um den Bedarf für die Entwicklung neuer umweltfreundlicher Produkte als beste Alternative zu Kunstfaserprodukten und Kunststoffen zu decken.
Rohwolle – ein tierisches Nebenprodukt

Rohwolle ist nicht für den menschlichen Verzehr geeignet – das ist klar. Nach geltendem Recht fällt sie damit unter den Begriff des tierischen Nebenprodukts, so wie tierisches Blut, Hufe und Felle oder Schlachtabfälle. Die EU geht bei diesen Produkten grundsätzlich von einem Risiko für die menschliche Gesundheit aus. Erst die fachgerechte Wollwäsche beseitigt mögliche Gefahren. Bis dahin schreiben die Rechtsnormen eine Registrierung u.a. bei Transport, Inverkehrbringen und Vertrieb sowie jeglicher Verwendung der Rohwolle, eine Zulassung u.a. für das Sortieren und Lagern sowie für die Herstellung organischer Düngemittel aus Rohwolle und die Kennzeichnung durch ein Etikett mit der Aufschrift „Tierische Nebenprodukte der Kategorie 3, Nicht für den menschlichen Verzehr“ auf Verpackung, Behälter oder Fahrzeug vor.
Für die Dokumentation im Rahmen des Transportes wird ein Handelspapier in dreifacher Ausführung benötigt. Hiervon verbleibt eine Ausführung (2. Durchschrift) beim Versender, eine Ausführung (1. Durchschrift) ist beim Transport mitzuführen und vom Transporteur aufzubewahren und das Original verbleibt beim Empfänger.
Verena Mertens (PPE), Stefan Köhler (PPE), Norbert Lins (PPE), Christine Schneider (PPE), Marion Walsmann (PPE), Lena Düpont (PPE)
1. Plant die Kommission, die Einstufung von Schafwolle in dieser Wahlperiode zu überarbeiten?
2. Sind der Kommission die negativen Folgen für die Vermarktung von Schafwolle bekannt, die deren Einstufung in Kategorie 3 mit sich bringt?
3. Kann sich die Kommission vorstellen, Schafwolle in dieser Wahlperiode in die Liste der landwirtschaftlichen Erzeugnisse in Anhang I des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union aufzunehmen, und falls nein, warum nicht?
Antwort von Olivér Várhelyi im Namen der Europäischen Kommission:
Die Einstufung tierischer Nebenprodukte in verschiedene Risikokategorien ist eine grundlegende Risikominderungsmaßnahme. Schafwolle kann ein Risiko für die Gesundheit von Mensch und Tier darstellen. Wolle ist gemäß der Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates[1] so wie andere vergleichbare tierische Nebenprodukte, z. B. Federn, Tierhaare, Hörner und Abfall vom Hufausschnitt, in Kategorie 3 aufgenommen. Kategorie 3 ist die Kategorie mit dem geringsten Risiko. Die umfassenden und verhältnismäßigen EU-Vorschriften[2] für tierische Nebenprodukte ermöglichen die Valorisierung und Kommerzialisierung von Wolle nach bestimmten erforderlichen risikomindernden Behandlungen. Darüber hinaus sind in den EU-Vorschriften für tierische Nebenprodukte mehrere Ausnahmen für mehr Flexibilität für die Sammlung, den Transport, die Handhabung und die Verwendung von Wolle im Ermessen der zuständigen nationalen Behörden vorgesehen.
Eine Änderung der Liste der landwirtschaftlichen Erzeugnisse in Anhang 1 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union würde eine Änderung des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union erfordern, der jedoch nur nach den Verfahren des Artikels 48 des Vertrags über die Europäische Union und nicht von der Kommission geändert werden kann.
[1] Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 21. Oktober 2009 mit Hygienevorschriften für nicht für den menschlichen Verzehr bestimmte tierische Nebenprodukte und zur Aufhebung der Verordnung (EG) Nr. 1774/2002 (Verordnung über tierische Nebenprodukte) (ABl. L 300 vom 14.11.2009, S. 1).
[2] food.ec.europa.eu/food-safety/animal-products_en
Wolle – eine tolle Faser
Wolle hat hervorragende Eigenschaften. Sie kann ein Drittel ihres Gewichtes an Feuchtigkeit aufnehmen und ist atmungsaktiv und warm. Sie ist geruchsneutral, antibakteriell und langlebig. Die Wollfaser setzt anders als synthetischen Materialien wie beispielsweise Polyester keine umweltschädlichen Stoffe und kein Mikro- und Nanoplastik frei und kann am Ende der Nutzung einfach kompostiert werden. Wie kann dieses hochwertige Naturprodukt wieder an Wert und Ansehen gewinnen?
Wolle ist vielfältig verwendbar und die Verwendung nicht auf Merinowolle für Strickwaren, Wollstoffe und Bettdecken beschränkt. Loden oder Wollwalk ist nicht nur in der Trachtenmode sondern auch für Outdoorkleidung angesagt. Aus der Wolle von Bergschafen entstehen strapazierfähige Teppiche und andere Heimtextilien.
Dank der steigenden Nachfrage nach biologisch abbaubaren, regionalen und nachwachsenden Rohstoffen sowie regionalen Wertschöpfungsketten eröffnen sich für heimische Schafwolle zusätzliche Verwertungschancen z.B. als Dämmmaterial oder im Schallschutz. Dass Wolle auch ohne chemische Ausrüstung schwer entflammbar ist, ist im ganzen Wohnumfeld ein weiterer Vorteil.
Wolle ist innovativ
Findige Köpfe haben eine Verpackung aus 100 % Wolle entwickelt, die stoßdämpfend, wasserfest und feuerhemmend ist. Außerdem ist sie wiederverwendbar und zu Hause kompostierbar - und enthält anders als Plastikversandtaschen und Luftpolsterfolie kein Plastik.
In Großbritannien landen jedes Jahr rund 500 Millionen Pflanztöpfe auf der Mülldeponie oder in der Müllverbrennung. Ihr Abbau dauert bis zu 450 Jahre. Als nachhaltige Alternative werden „Wool Pots“ angeboten, die nicht nur Gießwasser zwischenspeichern und direkt an die Wurzeln bringen und zu Dünger zersetzt werden, sondern auch noch Schnecken fernhalten – Gärtnerherz, was willst Du mehr?
Auch im Bereich der Geotextilien eröffnen sich Einsatzmöglichkeiten für Wolle. Susanne Herfort vom Institut für Agrar- und Stadtökologische Projekte (IASP) an der Humboldt-Universität zu Berlin betreut praxisnahe Forschungsprojekte zum Thema: „Vorkultivierte Vegetationsmatten aus Schafwolle mit Sedum eignen sich nach unseren Erfahrungen zum Beispiel hervorragend zur Etablierung von extensiven Gründächern. Die Wolle speichert Wasser, liefert Nährstoffe und ist vollständig biologisch abbaubar. Auch dickschichtigere Vegetationsmatten mit Stauden kann man auf Gründächern einsetzen. Bislang sind in diesem Bereich Kokosmatten üblich, heimische Wolle wäre eine nachhaltige, regionalere Alternative. Leider bietet bislang noch keine Firma ein solches Produkt auf dem Markt an.“
Wolle in unserer Region

Schafhaltung ist auch ein Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität: In Europa gibt es 408 Schafrassen. Eine davon, das alpine Steinschaf, war das traditionelle Schaf der Chiemgauer und Berchtesgadener Berge. Erfreulicherweise haben sich engagierte Züchter gefunden, die sich für seine Erhaltung einsetzen und den Bestand mittlerweile sichern konnten. Die Kleine Rechenbergalm ist zum Sommerquartier ausgewählter Jungböcke geworden und beim Almabtrieb im Herbst kann man in Unterwössen auch sortenreine Wolle kaufen.
Im Nachbarlandkreis Rosenheim gibt es mit der Schafwollspinnerei Höfer noch einen wollverarbeitenden Betrieb, der gewaschene Rohwolle aus der Region kardiert und verspinnt. Es ist wohl der einzige in ganz Oberbayern. Jährlich werden etwa 15 Tonnen Merinowolle und die gleiche Menge Bergschafwolle zu Strickwolle, Bettdecken und Webteppichen verarbeitet.
In Traunstein stellt die Firma Naturhaus Jäger e.K. „Frau Wolles Naturhaus“ im Manufakturbetrieb Bettdecken aus Wollvlies her. Die Wolle kommt aus Frankreich, wird bei Traitex nach ökologischen Standards gewaschen und in Frankreich kardiert. Eine Kardierung in der Region scheitert an mehreren Hindernissen: Die noch vorhandenen Maschinen sind, wie auch die Maschinen der Fa. Höfer, mindestens 50 bis 70 Jahre alte Einzelanfertigungen. Sie entsprechen nicht den heutigen Standards der Arbeitssicherheit und genießen nur am bisherigen Standort Bestandsschutz. Außerdem können viele von ihnen kein Vlies in den heute nachgefragten größeren Breiten von z.B. 155cm herstellen.
Manufakturen haben zumeist begrenzte Lagermöglichkeiten und sind auf Lieferungen alle 6 Wochen und in verschiedenen Stärken angewiesen. Kleine Kardierbetriebe können das nicht leisten: Die Einrichtung der Maschine für eine andere Charge bedeutet hohen Arbeitsaufwand und viel Materialverlust, daher werden die Maschinen für möglichst große Partien und dafür seltener in Gang gesetzt. Großbetriebe und Großhandel wie die Bezugsquelle der Fa. Jäger bieten die Sortimente fortlaufend an, erhöhen jedoch regelmäßig ihre Mindestbestellmengen. Zu den Problemen mit der Lagerhaltung kommt zunehmend auch das der Vorfinanzierung.
Das Internet hat zur Individualisierung der Wünsche beigetragen. Die Kundschaft verlangt Auswahl, alle Farben und alle Größen, die auf der Homepage sichtbar sind. Die Produkte aus dem Manufakturbetrieb können sich dem teilweise anpassen aber um den Preis von Lieferzeiten für die Einzelanfertigungen. Der Ladenvertrieb eines ergänzenden Sortiments aus anderen regionalen Betrieben stößt hier schnell an seine Grenzen.
In unserer Region gibt es keine ökologische Gerberei (mehr). Die angebotenen Schaffelle stammen meistens aus einem Betrieb im Schwarzwald.
Was muss sich ändern?
Aus Sicht des BN fehlt es an in erster Linie an der entsprechenden Infrastruktur, wie sie in Großbritannien, Island oder Norwegen vorhanden ist. Die aufgezeigten Probleme lassen sich nicht mit dem Jagdrecht lösen. Vielmehr wären Wirtschafts- und Landwirtschaftsministerium gefordert, gemeinsam ein Konzept für eine genossenschaftlich organisierte, flächendeckende Struktur zur Erfassung und Vorverarbeitung der Wolle zu entwickeln, damit die regionale Schafhaltung ein zweites wirtschaftliches Standbein neben der Fleischvermarktung und regionale Manufakturbetriebe zur Wollverarbeitung eine regionale Bezugsquelle bekommen. Strickwolle, Bettdecken, Loden und Wollwalk aus der Region für die Region wäre das Ziel.
Größere Schafherden, wie noch auf der schwäbischen oder fränkischen Alb zu finden, können für Weiterverarbeitung attraktive Partien liefern. In unserer Region sind die Herden viel zu klein, Schafhaltung ist vielfach eher Hobby als wirtschaftliches Standbein. Umso wichtiger wären Zusammenarbeit und eine gemeinsame Vermarktung.
Vor 25 Jahren gab es auch in unserer Region noch Wanderschäferei. Aus ökologischer Sicht, für das Tierwohl und für eine wirtschaftliche Herdengröße wäre das eine attraktive Alternative. Ihre Wiederbelebung ist jedoch derzeit unwahrscheinlich, auch wenn z. B. an der vergleichbaren Arbeit mit Tieren auf der Alm durchaus Interesse besteht.











